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„Ein guter Autor muss ein Teamplayer sein“

Antdorf, den 04.11.2016
Marco Teubner über die Kunst des Spieleerfindens und die vielen Hürden,
die es bis ins Ladenregal zu nehmen gilt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mammutstoßzähne, Pfeilspitzen, Fische. Das ist ein Teil des Geheimrezepts,mit dem der

Spieleautor Marco Teubner den Preis für das „Kinderspiel des Jahres 2016“ abgeräumt hat.

Der 44-Jährige aus Antdorf in Oberbayern hat schon viele Spiele für Kinder erfunden,

sein neuestes Spiel „Stone Age Junior“ ist wohl eines der erfolgreichsten. In dem Spiel für

Kinder ab fünf geht es darum, Rohstoffe zu sammeln und mit diesen eine erste Steinzeit-

siedlung zu erbauen. Wer will, kann Teubner auf der „Spielwiesn“ treffen, die von heute bis

Sonntag im Veranstaltungscenter MOC an der Lilienthalallee stattfindet. Ein Gespräch darüber,

wie man Spieleautor wird und was man dafür können muss.

 

Herr Teubner, wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Spiele?

Die Ideen kommen an den unterschiedlichsten Orten. Es gibt

nicht so den einen Schalter, wo ich sag: Wenn ich das mach,

dann hab ich eine Idee. Die Ideen liegen eigentlich auf der

Straße, das Problem ist, sie jedes Mal zu sehen.

Das sind manchmal die verrücktesten Sachen, die man

beobachtet, und plötzlich entdeckt man eine Idee dabei.

 

Und dann?

Oft ist es so, dass man den Gedanken mit sich herumträgt,

man versucht ein paar Sachen und merkt, dass es nicht so

einfach ist. Ich lasse die Sachen ab einem bestimmten

Zeitpunkt wieder liegen. Ich habe ein großes Regal,

da liegen viele Spiele entwürfe in den verschiedensten

Stadien drin. Ich versuche dann nicht mehr daran zu denken

und mache mit einem neuen Projekt weiter. Dann passiert

das, was typisch für den Kreativitätsprozess ist. Durch das

Vergessen fängt das Unterbewusstsein an weiterzuarbeiten.

Irgendwie ist es wie bei Wickie man reibt sich an der Nase

und plötzlich ist die Glühbirne über’m Kopf und man sagt

sich: Ja klar, logisch.

 
An wie vielen Spielen arbeiten Sie gerade parallel?

Ich würde sagen, so ungefähr acht bis zwölf.

 

Wie lange brauchen Sie, bis ein Spiel fertig ist?

Das kann ganz unterschiedlich sein. Es kann sein,

dass man in der Früh einen Gedanken hat und am

Abend schon den ersten spielbaren Prototyp fertig

hat. Es kann sich aber auch über Monate hinziehen.

In der Regel dauert es zwischen einem Viertel und

einem halben Jahr.

 

Wie läuft denn der Prozess von der Idee bis zur Fertigstellung ab?

Ich mache vorwiegend Kinderspiele. Kinderspiele

Leben stark von den haptischen Komponenten.

Welches Material? Wie wird mit dem Material um-

gegangen? Es geht um Balance , um Gleichge-

wicht, um Massen, um Größen. Ich baue sehr

schnell einen Prototypen. Ich geb die Prototypen

dann Kindern in die Hand und versuche aus zweiter

Reihe zu beobachten: Was machen die damit?

 

Da mussten Ihre eigenen Kinder vermutlich schon öfter als Testspieler herhalten.

Nicht mehr so. Die könnten es natürlich machen,

sie sind aber schon etwas vorbelastet, weil ich das

 jetzt schon 16 Jahre mache. Ich gebe die Prototypen

meistens in Kindergärten. Das hat natürlich den Vorteil,

dass alle paar Jahre neue Kinder da sind. Ich habe

also einen steten Fluss an neuen Testspielern. Und

es gibt nichts Ehrlicheres als Kinder. Kinder müssen

das Verlieren erst lernen.

 

Bauen Sie das in Ihre Spiele  mit ein?

Man beachtet das schon. Es gibt gewisse Strategien,

die man als Entwickler verfolgt, um den Zugang für

Kinder einfacher zu machen. Ein Erwachsenenspiel

macht zum Beispiel wesentlich größere Spannungsbögen.

Bei Kinderspielen versuche ich viel schneller, den Kindern

Kleine Erfolgshäppchen zu geben. Nicht das einmal

große Verlieren, sondern du bekommst was und bekommst

was und einmal bekommst du halt nichts. Man versucht

also schon, den Kindern das Verlieren beizubringen.

 

Was sollen Kinder aus Ihren Spielen mitnehmen?

In erster Linie Spaß. Von den Verlagen wird oft auf den

Zusammenhang von Spielen und Lernen hingewiesen wie

toll und wie wichtig das ist. Ich glaube, dass das automatisch

passiert. Am besten funktioniert das, wenn die Kinder Spaß

dabei haben. Mir nützt ja das beste Lernspiel nichts, wenn’s keinen

Spaß macht und die Kinder es nicht spielen.

 

Worauf muss man beim Spiele erfinden achten?

Wenn man das immer alles so genau wüsste, würde

Ich nur noch gute Spiele bauen. Es ist ein Mix aus ganz

verschiedenen Dingen. Das ist nicht nur die Spielweise,

das ist auch die Spielgeschichte, das ist das Eintauchen.

Wir haben bei „Stone Age Junior“ zum Beispiel eine

Geschichte geschrieben mit dem Versuch, das Kind

wirklich mit auf eine Reise durch die Steinzeit zu nehmen.

Das Gesamtpaket führt dann dazu, dass es Spaß macht.

 
Wie werde ich Spieleerfinder?

Das Allerwichtigste: Erst mal anfangen. Es gibt ganz viele,

die sagen, sie haben eine Idee und die müsste man mal

umsetzen. Dieses „müsste man” ist schon das erste Problem.

Die werde ich mal umsetzen, das mach ich jetzt. Das ist das

erste. Dann gibt’s sogenannte Autorentreffen, da sollte man

sich eins suchen die beiden größten sind in Göttingen und

in Haar. Da kommt man in Kontakt mit anderen Autoren,

 kann sich austauschen und wird ganz schnell lernen.

Dann wird einen wahrscheinlich das Virus befallen. Ein

Kollege hat mal gesagt: Spiele erfinden, das ist kein Beruf,

das ist eine Krankheit.

 
Wie verdient ein Spieleautor sein Geld?

Wie Buchautoren auch verdient ein Spieleautor an jedem Spiel,

das verkauft wird, mit nur um einiges schlechter: Pro verkauftes

Spiel bekomme ich zwischen 50 Cent und einem Euro. Aber das ist

mein Beruf, ich mach das von früh bis spät. Und ich schaffe damit

auch, eine Familie mit drei Kindern zu ernähren, aber es ist nicht

immer einfach. Da hilft ein Preis wie das Kinderspiel des Jahres

natürlich immens.

 
Was macht einen guten Spieleerfinder aus?

Er muss mit Leuten gut zusammenarbeiten können, obwohl er

die Ideen alleine entwickelt. Und obwohl das Spiel von ihm kommt.

Wenn es dann letztendlich umgesetzt wird, braucht er einen Verlag,

braucht eine Redaktion, einen Grafiker, einen Illustrator. Das fertige

Spiel ist eigentlich ein Produkt von vielen guten Leuten. Es nützt

wenig, wenn sich der Autor nicht öffnet. Er muss sein Baby zur

Verfügung stellen, damit die anderen noch daran herum feilen können.

Ein guter Autor muss ein guter Teamplayer sein.

 
Sie geben auch Seminare für angehende Spieleautoren.
Was bringen Sie den Teilnehmern als erstes bei?

Nicht in den gewohnten Bahnen zu denken. Wenn wir Dinge sehen,

geben wir ihnen eine Bedeutung und verfallen ganz schnell in bekannte

Strukturen. Neues zu erfinden heißt, diese Bahnen zu verlassen. Wenn

ich einen Würfel habe, ist das naheliegendste, damit zu würfeln. Man

könnte ihn auch stapeln, man kann ihn balancieren. Der Würfel muss ja

keine Augen darauf haben. Es kann auf ganz andere Dinge ankommen.

Ich könnte den Würfel als eine Art Bowlingkugel verwenden, um etwas

Anderes umzuhauen.

 

Quelle: Penzberger Merkur

Interview:Caspar von Au

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: „Ein guter Autor muss ein Teamplayer sein“